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CD der Woche: Poliça „Shulamith“

Poliça? Wer oder was ist Poliça? Könnte man jetzt erstmal ganz allgemein fragen.
Zunächst mal ist es eine im Kern 4-köpfige US amerikanische Band aus Minneapolis, rund um Sängerin Channy Leaneagh + Bassist und 2 (!) Drummern.

Sie haben sich 2011 gegründet und nun immerhin letzte Woche bereits ihr 2. Studioalbum abgeliefert. Sie lassen sich grundsätzlich der Indie Szene zuordnen.

Aber an dieser Stelle hört das offen sichtbare und schnell erklärbare aber auch schon auf – was die Geschichte einerseits schwierig macht, da ja gern und oft schnell für alles n greifbares Label gesucht wird. Andererseits ist die Tatsache, dass die Band sich von Genre-gängigen Normen fern hält und etwas Eigenes schaffen will, der ganz große Reiz.

Seit 2011 gibt es die Band nun und hat 2012 ihren Erstling „Give you the Ghost“ veröffentlicht. „Wandering Star“ hieß letztes Jahr die 1. Single, die prompt in der Szene aufhorchen ließ und von einem mit mysteriösen, aber ästhetischen, kunstvollen Video begleitet wurde, bei dem a) die Band selbst ungewöhnlicher weise nicht selbst vorkam und b) eine alte Frau in einem Raum sitzt und abwechselnd ein Tänzer und dann eine Gruppe Tänzerinnen um sie herum „schwirren“. Dazu der elfenhafte Gesang, der unweigerlich zu dem Gedanken führt, dass die Tänzer besagte kleine „wandering spirits“ in der Gedankenwelt der Dame sind. Symbolische Bildsprache!

Ein weiteres Detail war eine eigentlich schon als durchgekaut und abgehakte stimmliche Effekt Spielerei, das sog. „Auto-Tune“, das wahlweise zum Überdecken stimmlicher Schwächen, aber auch gezielt als Stilmittel eingesetzt wurde.
Channy Leaneagh, hat dieses für sich übernommen und mittlerweile spielerisch für sich als prägendes Element kultiviert.

Single und Album hatte ich letztes Jahr schon als „Sounds des Tages“ besprochen und gewürdigt!

Nun haben wir allerdings 2013 und bereits im Frühjahr hat die Band trotz regen touren bekannt gegeben, dass im Laufe des Jahres ein Nachfolger in die Läden kommen würde und gleich mal frisches Material in Form der Vor-Vorab Single „Tiff“ beigelegt. Auch hier ließ die Bildsprache aufhorchen, bei dem die Sängerin diesmal zu sehen war und das sogar in doppelter Ausführung. Gespielt wurde eine Verhör-Szene, mit ungewöhnlich hartem, weil blutigen Unterton – der fast Folter Charakter hatte.

Seit dem wurden bis dato 4 (!) Singles vorausgeschickt und seit letzter Woche ist die CD in voller Pracht zu hören…und zu bestaunen. „Shulamith“ heißt das gute Stück und eifrige Menschen wie ich haben sich natürlich versucht schlau zu machen, was es mit dem Album Titel auf sich hat. Es geht hierbei um Shulamith Firestone, eine unter Frauenrechtlerinnen sehr einflussreiche aber auch umstrittene amerikanische „Vorkämpferin“ der Frauenrechte der 70er Jahre. Umstritten deswegen, weil sie den Begriff Vorkämpferin sehr wörtlich ausgelegt hatte und das Thema Frauenrechte sehr als echten Geschlechterkampf gesehen und diesen auch erbittert geführt hatte.

Dementsprechend gespannt war ich dann natürlich, wie sich das inhaltlich auswirken würde. Und man kann deutlich hören und den Subtext des ganzen Albums nachvollziehen, wenn man in vielen Texten sehr kämpferische Frauen erlebt, die zwischen Beziehungs-Enttäuschung und Aufbruch auf der Suche nach ihrer Rolle und Identität sind. Und genau in diesem Verständnis legt sich dann auch schnell die leichte Irritation über teilweise „harte“ textliche Momente.

Musikalisch hat sich nicht sehr viel im Vergleich zum Vorgänger verändert. Es sind eher kleine Stellschrauben gedreht worden, die aber sehr hörbar den Soundcharakter organischer haben werden lassen.
Basis ist nicht mehr so stark der elektronische Beat, oder elektronische Klangflächen als Grundgerüst. Sondern elektronische Elemente wurden den Live-Instrumenten quasi an die Seite gestellt.
Das macht dann Songs wie „Trippin“ fast zu einem tanztauglichen Pop-Song. Ähnlich wie beim treibenden „Chain my Name“, bei dem der 1/16 HiHat Beat gegen den verschleppten Gesang geschoben wird und trotzdem nicht an Fahrt verliert.
Auch der prägnante Einsatz der 2 Drummer bekommt bei „Vegas“ seinen Platz, der anfangs düster mit psychedelischen Synthesizer Klängen und zurückgenommenen Nuschel Gesang daher kommt und zwischendurch  in wüste Drum Soli mündet.
Nach wie vor gibt es Auto-Tune, bis auf eine Ausnahme. Auf „I need $“ lässt Channy Leaneagh einmal ein wenig die Hüllen fallen, indem sie fast „clean“ singt und man das Gefühl hat, daran könnte man sich auch schnell und gern gewöhnen. Der Gegenentwurf kommt dann bei „Very Cruel“, das mit metallischen Synthesizer Effekten beginnt und man dann auf einmal anfängt im Anhang nach Björk als Gesangs Gast zu suchen. Vergeblich! Auch hier wurde die Stimme so verfremdet, dass es anfangs irritiert, aber man mit Beginn des Refrains mit groovt.
„Smug“ erinnert dann mit seiner kühlen Elektrobeat Melancholie wieder an „Give you the Ghost“; „Matty“ und „Spilling Lines“ lassen  Trip-Hop Elemente durchscheinen, „Torre“ ist soulig-funky und lebt gut vom Bass und Drum Zusammenspiel.
Highlight ist für mich das kurz vor Erscheinen des Albums noch ausgekoppelte grandiose „Warrior Lord“. Sehr zurückgenommener, verschleppter Gesang, der sich aber dennoch sehr eindringlich sanft über das lässig wabernde fast „elektro-jazzige“ Arrangement legt und sich sehr prägnant am inhaltlichen Konzept anlehnt.
Schlusspunkt ist dann der Elfengesang namens „So leave“, das ein wenig nach Sinead O´Connor klingt anfangs kühl und metallisch wirkt und etwas unspektakulär Richtung Ende säuselt.

Am Ende muss man sagen, Poliça haben dort weiter gemacht, wo sie mit dem 1. Album aufgehört haben ohne es an weiterer Kreativität mangeln zu lassen. „Shulamith“ ist inhaltlich als Konzept ein subtiles Statement – musikalisch selten greifbar, weil es sich auch nicht greifen lassen will. Es ist kein Indie Rock, kein Elektro-Soul, kein Trip Hop…es ist alles ein bisschen, ohne aber beliebig zu sein.

Shulamith ist schillernd und spannend. Genau wie Poliça selbst!

e.

[Eddi für KENNZEICHEN E]

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