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München und der olympische Polter Geist

Ein großes globales IOC Leitbild ist das philosophisch hochstehende:

Wir gehen dort hin, wo der Sport ist – und wir gehen dort hin, wo die Begeisterung für den Sport ist!

Runter gebrochen auf Deutschland könnte man ja stark annehmen, dass man mit beiden Aspekten immer auf der sicheren Seite ist. Besonders wenn es um die Bewerbung für internationale sportliche Großveranstaltung geht.

Schließlich ist Deutschland eine absolute Top Sport Nation und ein Top Organisator von „egal was“. Ok, mal abgesehen von Infrastruktur Projekten und Großbauten, die finanziell und/oder technisch aus dem Ruder laufen.

Wir hatten Berlin 1936. Das waren dann aber die olympischen „Nazi Spiele“ und man erinnert sich ungern daran zurück. Wir hatten München 1972. Das waren aber leider die tragischen Attentat Spiele, die auch immer noch vielen unschön im Hinterkopf herum spuken.

2 mal Olympische Spiele auf deutschem Boden und beide Male ist etwas „hängen geblieben“.

Aber es gibt natürlich auch positive Beispiele.

Zum Beispiel die Leichtathletik WM 1993 in Stuttgart, die heute noch als eine der Musterbeispiele für gelungene Sportgroßveranstaltungen hierzulande gesehen wird: Tolle Leistungen, tolles Wetter, Begeisterung der Menschen und Medien! Und selbstverständlich die Mutter aller deutschen Sport Events: Die Fußball WM 2006 aka „Sommermärchen“.

Seitdem reden alle immer wieder vom nächsten „Sommermärchen“ unabhängig welche Sportart, oder Jahreszeit es ist. Hockey, Handball, Frauen Fußball. Alles erfolgreiche, populäre Sportarten.

Allerdings muss man dazu sagen: Deutschland hat Fußball als Sportart Nr. 1, Deutschland hat einen Kaiser (Franz Beckenbauer), 80 Millionen Bundestrainer und Medien, die aber auch den letzten Winkel der Szene ausleuchten und vermitteln.

Aber Deutschland hat eben leider zu wenig Sonnentage, um Sommermärchen beliebig vorauszuplanen und zu wenig Beckenbauers, in deren Schein und Strahlkraft es sich andernorts und anderweitig glänzen lässt.

Deswegen hat sich Deutschland, in Person des DOSB halt auf die Fahnen geschrieben ein vergleichbares „Wintermärchen“ schreiben zu wollen. Der große Master Plan: Olympische Winterspiele nach Deutschland zu holen!

Dass das sogar semantisch schlüssiger ist, da es sich viel besser vom Wintermärchen ableiten und zuordnen lässt. Schließlich stehen die Begriffe Winterspiele und Wintermärchen in einem nachvollziehbaren Zusammenhang. Macht also Sinn.

Und wieder Mal der ganz wichtige Faktor: Deutschland ist eine Sport Nation. In der Winter Edition sogar noch ausgeprägter als in der hippen Sommer Ausgabe. Dort sind Medaillen nicht nur stille Hoffnungen, sondern veritable realistische Ansprüche.

Dass Deutschland also keine klassische und vor allem übererfolgreiche SKI Nation wie Österreich, Schweiz, oder die skandinavischen Länder wie Norwegen und Schweden ist, tut der Sache ja keinen Abbruch. Und für einen Testballon für Winterspiele 2018 ebenfalls in München als Ausrichter Stadt sollte die SKI WM 2011 allemal herhalten und die Ambitionen eindrucksvoll untermauen können.

Rückblickend wurde von Seiten des DOSB die SKI WM 2011 natürlich als voller Erfolg vermittelt. Dafür sprach ja der Blick auf die nackten Zahlen, an dessen Ende ein Plus von 5 Millionen € Gewinn ausgewiesen wurde. Respekt! Wenn dort schon Geld zu verdienen ist, dann doch bitte bei einer olympischen Veranstaltung erst recht!

Ganz so einfach ist das allerdings nicht! Denn die 5 Millionen Euro hat der Deutsche Ski Verband als Ausrichter für sich vereinnahmt. Die Städte, Gemeinden und das Tourismus Gewerbe bekamen nichts zurück!

Auch ein Wintermärchen wurde es nicht so richtig. Zwar gab es natürlich Schnee, der wurde aber mehrheitlich künstlich erzeugt. Und zu warm und schmuddelig regnerisch war es auch noch. Nicht einmal als „Herbstmärchen“ taugte es. Und die deutschen Medaillen, die ja nun auch als Gratmesser für Euphorie auf den Rängen und den Bildschirmen dienen waren auch nicht übermäßig vorhanden.

Das Fazit war für die Tourismus Regionen München, Garmisch und Patenkirchen mehr als ernüchternd. Die SKI WM war eher ein rotes Tuch während und nach der Veranstaltung. Da haben die Preise natürlich auch viele Touristen und Urlauber verschreckt.

Also machte man sich trotz dessen, bzw. ungeachtet dessen auf, für 2018 den ganz großen Coup in Form der Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2018 landen zu wollen.

Allerdings kam dem Bewerbungs-Kommitee u.a. die „klitzekleine“ Problematik in die Quere, dass die Bewohner, Bauern, Naturschützer und Grundbesitzer in den betroffenen Regionen sich nicht einfach ihr „heiliges“ Land und die ursprüngliche Natur zweckentfremden lassen wollten, wo nicht nachvollziehbar war, in welchem Zustand sie es zurück bekommen würden. Wie die finanzielle Entschädigung ausfällt, oder ob es überhaupt eine gibt. Verheerend war da dann zwischenzeitlich auch noch, dass das böse Wort der Enteignung die Runde machte.

Man hatte wohl gedacht, dass die Menschen in Anbahnung eines solchen Ereignisses jubelnd in die Luft springen und die Zustimmung gar nicht erst eingeholt werden müsste. Ein Kommunikations-SuperGau, der natürlich auch über Deutschland hinaus und vor allem dem Entscheidungs-Kommitee des IOC nicht verborgen blieb. Das Ende kam wie es kommen musste: München wurde nicht als Ausrichter für 2018 gewählt!

Aber weil man ja nicht den Kopf in den Sand stecken und nicht als schlechter Verlierer dastehen wollte hatte das nationale OK (Organisations-Kommitee) Plan B aus der Schublade geholt und wollte dann eben für 2022 eine Bewerbung anstreben. Dieses Mal natürlich wollte man es intelligenter und nachhaltiger machen. Weniger neu bauen und bestehende Sportstätten nutzbar machen. Weniger private Flächen in Anspruch nehmen und vor allem einen offeneren und konstruktiveren Dialog mit den Bürgern suchen und diese „mitnehmen“.

Am Ende dieses Dialogs sollte dann eine verbindliche Vor-Abstimmung in allen 4 Regionen stattfinden, um sich maximale Legitimierung und Rückenwind für die offizielle Bewerbung zu holen.

Dummerweise hatten sich die Gegner einer Olympia Bewerbung in das Bündnis „NOlympia“ zusammengeschlossen und ihre Lehren aus der SKI WM 2011 und den eklatanten Versäumnissen/Fehlern bei der Bewerbung für 2018 gezogen und diese in die Bevölkerung hinein getragen. In Zeiten klammer Kassen bekommt die Tatsache, dass alle Kosten auf die Region abgewälzt und alle Erlöse dem IOC als Veranstalter zugutekommen natürlich mehr als abschreckenden Charakter.

Gestern nun hat diese Abstimmung stattgefunden und auch hier kam es wie es kommen musste. Es wird keine Bewerbung Münchens als Ausrichter-Region für die olympischen Winterspiele 2022 geben. Alle 4 Abstimmungs-Regionen haben sich mit jeweils mehr als 50 % gegen eine Bewerbung ausgesprochen! Mehr als ein Denkzettel, sondern eine schallende Ohrfeige für das OK und vor allem für den Sport Veranstaltungs-Standort Deutschland!

Auf der einen Seite ist man zwar dort hingegangen wo man den Sport wähnte, aber man hat völlig außer Acht gelassen, dass die Begeisterung für den Sport längst geflüchtet und die Skepsis den Platz eingenommen hatte, die man auch mit prominenten Sympathie-Trägern, aber einem nicht schlüssigen Konzept letztlich nicht mehr auffangen konnte.

Ein Sommermärchen lässt sich eben nicht erzwingen, oder anordnen. Auch wenn man es Wintermärchen nennt!

e.

(Sehr detaillierte Quellen dazu: NOlympia; Jens Weinreich)

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Ein Kommentar zu “München und der olympische Polter Geist

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