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Millionärswahl und die Kunst des Scheiterns (als Storify)

So, nun hat Pro 7 und Produktionsfirma Brainpool eine Konsequenz gezogen und das sog. „neue und innovative Show Konzept“ „Millionärswahl“ quasi gedanklich ad acta gelegt.

Ein Konzept, das auf demokratischer Mitbestimmung der Zuschauer + Einbeziehung des Internets bei der Kandidatensuche, als auch beim Voting basieren sollte.

Ganz so neu und innovativ ist es freilich nicht, denn seit Jahren „basteln“ TV Macher mehr schlecht als recht daran, wie das Internet mit dem Medium Fernsehen in eine gleichberechtigte Form gepresst werden kann. Social TV heißt ein Beispiel dafür  neudeutsch.

Das werktägliche Pro7 Magazin „taff“ ist kein reines Social TV, aber beinhaltet viele Inhalte für Internet-affine junge Zuschauer und 2013 hat sich mit JOIZ sogar ein  reiner Social TV Sender in Deutschland etabliert.

Aber z. B. auch das gute, alte ZDF Sportstudio bindet seit Jahren das Netz in die Show mit ein, indem Fußball Artisten ihre Kunst per Youtube-Video via Facebook an die Redaktion schicken, um sich auf diesem Wege für das Torwandschießen mit dem prominenten Sportler am Ende der Show zu qualifizieren.

Das Internet zieht sich auch als journalistisches Hilfsmittel quer durch die Fernsehlandschaft, ohne aber „unangenehm überrepräsentiert“ zu sein. Das ist ja gerade bei den öffentlich-rechtlichen Sendern immer auch wichtig, damit die nicht mehr ganz taufrische Zielgruppe nicht mit modernen Errungenschaften überfrachtet wird. Thomas Gottschalks ebenfalls als neu und  innovativ betiteltes Vorabend Show Experiment ist ja damals auch jäh an diesem Anspruch gescheitert. Auch wenn Person und Medium nicht so recht glaubwürdig zusammen passten, am Ende war Social Media als Bestandteil nur noch am Rande ein Thema.

So richtig gelingen mochte es bislang noch nicht, das Internet großflächig zum Kern eines Unterhaltungsshow Formates zu installieren.

Bis jetzt die findigen und umtriebigen Brainpool und Pro7 Leute auf die Idee kamen, ihre Internet Stars selber zu kreieren und vor laufender Kamera, im Prime Time Show Gewand durch „demokratische Wahl Vorgänge“ mit einem überdimensionierten Geldgewinn zu prämieren.

So nach dem bewährten Motto: für viel Geld machen die Leute eh vieles…setzen bei „Elton zockt LIVE“ ihr Hab und Gut, bis hin zum Ehering aufs Spiel.

Ja, das Geld spielt eh seit geraumer Zeit eine große Rolle bei Pro 7. Bei „Schlag den Raab“ gewann vor Weihnachten ein Kandidat den stolzen Jackpot von 3,5 Millionen Euro. In der Show, wo ein einzelner Telefon-Gewinnspiel Kandidat nicht nur 1, sondern gleich mehrere Autos mit der Beantwortung einer Gewinnspielfrage á la „9Live“ gewinnen kann.

Dann gab es 300.000 Euro letztes Jahr für den per Zuschauer-Voting erfolgreichen Teilnehmer bei Raabs sog. Politik Talkshow Variante „Absolute Mehrheit“ zu gewinnen. Dieser hieß dann auch noch Sido, der sich in der Ausgabe lediglich mit gepflegtem Desinteresse an Politik  und jugendfreundlichen, aber  teilweise halbreflektierten Aussagen zum Thema Drogenkonsum hervor tat.

Ebenfalls bei der Mode Casting Show „Fashion Hero“ ging es am Ende um Gewinne im deutlich 6-stelligen Bereich. Und da durfte natürlich „Millionärswahl“ keine Ausnahme sein.

Warum aber ist die Show in den Augen der Macher bereits jetzt gescheitert? Nach der ersten Show hat man doch prompt auf die Kritik an der abstrusen Kandidatenauslese reagiert, bei der das eigentliche Instrument ad absurdum geführt wurde, indem die Kandidaten zum „Königsmacher“ wurden, anstatt wie angekündigt die Zuschauer selbst. Und nun hat man das Format so in Art und Umfang geschrumpft, dass es einer Absetzung gleichkommt.

Heute hieß es dann erklärend:

Naja…! Natürlich kann man jetzt sagen: „Mund abputzen weitermachen“, denn wo gehobelt wird, fallen Späne. Und wer riskiert, riskiert auch das Scheitern. Und wer dem Fernsehen Mutlosigkeit gepaart mit Bewahrung von altbewährten, überholten Konzepten vorhält, der sollte Pro7 dankbar sein, dass der Sender mal etwas Neues ausprobiert hat – auch wenn es grandios in die Hose ging.

So ähnlich hat es auch Medien Experte Stefan Niggemeier in seinem Kommentar ausgedrückt, in dem er auch die Gefahr sieht, dass das die Fernsehmacher noch vorsichtiger machen könnte.

Mal abgesehen davon, dass das Thema Mitbestimmung der Zuschauer dem Anspruch nicht gerecht wurde, sehe ich persönlich aber auch noch weitere Gründe:

  • Die inflationäre und übersättigende Flut an abendfüllenden Show Highlights bei Pro 7, die alle irgendwie unterschiedlich, aber dann doch ähnlich strukturiert sind.
  • Das erschöpfte Casting (Fast-Food) Prinzip, bei dem Menschen ihre Talente vorstellen und aus dem das Publikum seinen Favoriten finden soll, der dann eilig gepusht wird, um dann relativ schnell wieder zu verschwinden.
  • Und ich glaube die Macher von „Millionärswahl“ haben nicht bedacht, oder außer Acht gelassen, dass das Internet sich seine Favoriten selber und vor allem „zufällig“ sucht. Es heißt nicht ohne Grund „Internet-Phänomen“. Das Internet hat seine eigene Dynamik, die sich mit traditionellen und inszenierten Fernseh-Methoden nicht reproduzieren lässt.

Das Internet an sich durchlebt ja auch gerade eine Identitätskrise, in der seit dem Bekanntwerden des NSA Abhörskandals vor Augen geführt wurde, dass das Internet zu einem Raum geworden ist, wo man sich nicht mehr unbefangen aufhalten kann. Internet Erklärer Sascha Lobo spricht aktuell sogar von einer Art 4. (digitalen) Kränkung des Menschen – und dass wir uns eine neue Definition von einem immer mehr reglementierten und überwachten Internet suchen müssen. Dass die Seifenblase einer (heilen) vernetzten Welt geplatzt sei.

Klingt vielleicht ein bisschen weit hergeholt, um als Argument für „nur ein gescheitertes Unterhaltungsprodukt“ zu dienen, aber es soll auch nur verdeutlichen, dass außerhalb der Netzgemeinde viel Euphorie verloren gegangen ist.

Auch bei mir hat sich leider mittlerweile ein sehr kritisches Bewusstsein eingeschlichen rund um das virtuelle Getöse mit samt seiner reflexartigen Empörungsfreudigkeit und der Tendenz, Dinge größer und „dramatischer“ zu machen, um im diffusen Meer der Schlagzeilen und Meldungen Gehör und Aufmerksamkeit zu finden. All das nervt zuweilen und nimmt etwas an Enthusiasmus.

Letztlich bleibe ich  bei meiner schon schon Mal ausgedrückten Meinung (siehe:  Fernsehemacher und ihr Prinzip der demokratischen Illusion), dass die „Helden des Alltags“ nicht in Unterhaltungs-/Casting-/Youtube-Formaten des Internets zu finden sind.

Auch wenn es immer noch naiv und banal klingt, ich würde mir wünschen, dass man mal Menschen mit ihrer alltäglichen Arbeit an und für die Gesellschaft mindestens genauso würdigt und in den Mittelpunkt rückt, wie diejenigen, die gut mit Bällen umgehen, gut singen und tanzen können, oder trendige Freestyle Sportarten beherrschen.

Jede Krankenschwester, Lehrer(in) oder Altenpfleger(in) verdient ne Million. Mehr als Casting, oder Youtube Stars!

e.

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2 Kommentare zu “Millionärswahl und die Kunst des Scheiterns (als Storify)

  1. Wieder mal ein schöner, sehr gut geschriebener Artikel. Mir bleibt dazu wohl nur noch zu sagen: irgendwann hat es sich eben einmal ausgecastet. Irgendwann haben die Zuschauer auch mal keine Lust mehr auf Talentshow und Co, bei denen die Gewinner nur kurz gehyped werden, um dann direkt wieder den nächsten nachzuschieben.
    Lg

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