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„Wir sind Steuerhinterziehung!“ – FC Bayern in der Hoeneß-Falle

„Wir sind Uli Hoeneß“!

So könnte man die vorherrschende Stimmung der FC Bayern München Fans in ganz Deutschland beschreiben nach einer turbulenten Woche. Eine Woche, die am Montag mit einem Gerichtsverfahren in Sachen Steuerhinterziehung begann, bei dem ein Uli Hoeneß zwar angespannt und teilweise reumütig auftrat, aber zwischendurch auch immer mal wieder eine gewisse souveräne Gelassenheit durchblitzte. So nach dem Motto: „Was soll mir passieren? Ich hab meine Familie hinter mir!“

Und in dem Zusammenhang muss man wohl den Begriff „Familie“ etwas weiter fassen und auch die weltweite FC Bayern Hoeneß „Verwandtschaft“ mit einbeziehen!

Da habe ich immer noch die tränenreiche Offenbarung auf der letztjährigen Jahreshauptversammlung des Vereins vor Augen – und die Vertrauensfrage des Präsidenten Hoeneß, bei der er sein „Schicksal“ in die Hände der Fans und Mitglieder legte. Die uneingeschränkte Unterstützung des Aufsichtsrates, dessen Vorsitz er ja auch inne hatte, war ihm ja eh schon sicher.

Daher war es dann auch nicht mehr überraschend, dass die Mitglieder unter dem Eindruck der Fangesänge fast sozialistische Zustimmung zum Ausdruck brachten. Blut ist hat dicker als Wasser.

Nun ist es ja auch völlig unbestritten, dass der FC Bayern München DAS Aushängeschild der Fußball Bundesliga ist. Kein anderer Verein ist derart erfolgreich, populär, finanzstark und einflussreich. Und auch den „Hass“ der Gegner, die die vermeintliche Übermacht und damit einhergehende Vorhersehbarkeit des Liga Geschehens bei Titelvergaben kritisieren, hat sich der Verein redlich verdient. Es ist ja letztlich auch ein Ausweis des Erfolges. Ein „Mir san mir“ und den dazu gehörenden Respekt und Achtung muss man sich eben auch erst einmal über Jahre und Jahrzehnte erarbeiten.

Das Ende der Woche zeigte dann aber auch ein symbolträchtiges Bild, bei dem der gewohnte Sitz-Platz im Stadion neben Karl-Heinz Rummenigge gestern während des Bundesliga Spiels gegen Bayer Leverkusen leer blieb. Eine Lücke im System tut sich auf, die sagen will: „ER FEHLT!“

Zwischen Montag und dem gestrigen Samstag hat sich aber die „Affäre Hoeneß“ in schwindelerregende Dimensionen entwickelt, dessen Ausmaße viele noch gar nicht auf dem Zenit sehen. Sah es anfangs nach einer „überschaubaren“ Summe von ca. 3,5 Millionen Euro Steuer Hinterziehung aus, brachte das Ende des Prozess eine Summe von 28,5 Millionen zu Tage. Und auch das scheint in Wirklichkeit nur eine Zwischenmarkierung zu sein. Es gibt Spekulationen, die das wirkliche Ausmaß der Affäre in 3-stelliger Millionenhöhe sehen. Das könne aber tatsächlich nur durch eine Revision der Staatsanwaltschaft, bei dem der gesamte Prozess neu aufgerollt würde, beweisen.

In diesem Zusammenhang könnte man fast meinen Hoeneß hat auch deswegen sein Urteil akzeptiert, weil er möglicherweise ahnt, dass ein genauerer Blick auf die Details noch größere Verfehlungen aufdecken würde und noch mehr Fragen aufwerfen könnte. Fragen, die unmöglich er allein beantworten könnte. Fragen, die letztlich seine Familie – der Verein – beantworten müsste.

Und da wird die Sache dann ebenfalls fragwürdig. Denn dass die Fans und „einfachen“ Mitglieder des Vereins einen vermeintlichen „Gutmenschen“ Hoeneß nicht an den moralischen Pranger stellen, ist irgendwo verständlich.

Auch ich, als NICHT Bayern Fan, habe mich oft dabei ertappt, wie ich Hoeneß gegen manchmal unreflektierte „Fußball Hass-Reflexe“ verteidigt hatte, im Bewusstsein, dass er auch gute Seiten hat: St. Pauli Rettung, Gerd Müller Hilfe, seine schützende Hand über „Problem-Spieler“ (Breno, Ribery) – ein Uli Hoeneß lässt niemanden fallen, der am Straucheln ist. Dafür gibt es viele positive Beispiele!

Problematisch ist aber, dass auf der Funktionärs Ebene, zumindest nach außen hin, alle den Schulterschluss übten. Trotz der medialen Wucht letztes Jahr, als die Selbstanzeige bekannt wurde, haben die Mitglieder des maßgebenden Aufsichtsrates, darunter Vorstandsvorsitzende von weltweit operierenden DAX Konzernen wie Audi, Adidas, Allianz, Telekom und Volkswagen, sowie andere einflussreiche Persönlichkeiten, kein Wort der Kritik geübt.

Jedes Unternehmen hat strenge Compliance Auflagen, bei dem moralisch, ethisches Fehlverhalten verfolgt und geahndet werden muss. Da geht es dann auch um ein gesellschaftliches Bild, dass man als Unternehmen auch Verantwortung für sein Handeln übernimmt und Transparenz für die Öffentlichkeit herstellt.

Aber die Herren haben letztes Jahr scheinbar Stillschweigen vereinbart, sich hinter einer Vereinbarung verschanzt, die besagt, dass man sich erst äußert, wenn ein „letztinstanzliches gerichtliches Urteil“ vorliegt. Also theoretisch auch das „jüngste Gericht“ hätte abgewartet werden müssen! Und das, obwohl Hoeneß sein Fehlverhalten selber eingeräumt hatte. Selbst dann schaffen es die Herren nicht, sich dazu zu äußern. Kein Wort der Kritik. Nibelungentreue!

Nun hat Hoeneß sein gerichtliches Urteil akzeptiert und seine Vereinsämter aufgegeben und somit den Herren die unangenehme Pflicht abgenommen, eine Entscheidung zu treffen, die einem „Königsmord“ im FC Bayern Universum gleich käme. Es gab lediglich eine allgemeine Stellungnahme des Vereins, bei dem nach außen hin Namen der Firmen unerwähnt blieben.

Also irgendwie doch so ´ne Art Distanzierung light – zwar nicht vom „Heiligtum“ Hoeneß, aber von eigenen, selbst auferlegten Unternehmens Grundsätzen. Und das ist leider schlimm!

Dass:

  • die letztjährige Verurteilung vom Chef der FC Bayern GmbH Rummenigge – ebenfalls wegen Steuerhinterziehung ausgeschwiegen wurde, wirkt fast schon banal in Anbetracht von „lediglich“ 2 Luxus-Uhren und einer Geldstrafe von 250.000 Euro. Es zeigt aber auch sehr deutlich, dass der vorbestrafte Chef des Unternehmens und der globalen Marke FC Bayern München keine moralische Instanz sein kann und ist.
  • in Zeiten gesellschaftlicher Ächtung von Fehlverhalten  und dem gefühlten auseinander driften der Gesellschaftlichen Gruppen eine Steuerhinterziehung in kaum vorstellbaren Umfang vom FC Bayern und seinen eng verbundenen Groß-Sponsoren und Anteilseignern mit keinem Wort kritisiert und nicht in den Verein hinein und in die Gesellschaft kommuniziert wird, dass man ein solches Verhalten unter keinen Umständen toleriert,  ist aus meiner Sicht erschreckend und peinlich!
  • im Verlaufe dieser Woche das öffentliche Bild gedreht ist und die Mehrheit die Gefängnisstrafe von Hoeneß als gerecht empfindet, ist ein gutes Zeichen und zeigt, dass es ein feines Gefühl gibt, was richtig und was nicht mehr zu tolerieren ist – trotz aller bleibenden Verdienste!
  • beim FC Bayern München die Heldenverehrung weiter erzählt und sogar andeutet wird, dass das Kapitel Hoeneß innerhalb des Vereins noch nicht beendet sein muss – dass man ihm jede Tür offen hält, vermittelt ein bisschen den Eindruck, dass es nicht nur heißt: „Wir sind Uli Hoeneß“, sondern dass es heißt „Wir sind Steuerhinterziehung“!

Herzlichen Glückwunsch

e.

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2 Kommentare zu “„Wir sind Steuerhinterziehung!“ – FC Bayern in der Hoeneß-Falle

  1. Ich habe die Argumentation der Bayernfans da eh nicht nachvollziehen können – die Arbeit für den Verein ist das eine, die Hinterziehung (und man sollte bedenken, dass es sich hier um eine Summe handelt, die wohl kaum jemand in seinem gesamten Leben erwirtschaften wird – Raffgier nennt man das) eben das andere.
    Kein Mensch hat nur schlechte Seiten – trotzdem hat der Herr da schlicht Mist gebaut, für den er jetzt eben geradestehen muss. So ist das eben. Sonstige gute Taten hin oder her. Auch für Promis. Auch in Bayern.
    Liebe Grüße

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