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Sekt oder Selters – Kaviar oder Crowd-Salat

Mit 5 Mark sind sie dabei“ … so hieß ein bekannter Slogan der Deutschen Fernsehlotterie, der bis 2012 noch „Ein Platz an der Sonne“ war.

Die Mitspieler können dabei an Standard- oder Prämienverlosungen teilnehmen, Lose kaufen, Geld oder Sachpreise gewinnen und noch was für das soziale Gewissen tun und hilfsbedürftige Menschen unterstützen! Eine an sich wunderbare Institution!

Allerdings bin ich gedanklich nicht beim Lotto spielen, sondern bei einem neuen Projekt, das derzeit breit diskutiert wird: dem so viel gescholtenen Thema Online-Journalismus!

Ein paar Parallelen tun sich zwar auch auf, denn auch in dem seit dem Wochenende ausgerufenen Projekt, kann man mit einer Investition von 5 Euro/Monat (nur per Kreditkarte!!) etwas für „bedürftige Menschen“ tun. Nur mit dem Unterschied, dass es in dem Fall Journalisten sind!

Ok, das ist jetzt etwas überspitzt formuliert, aber tendenziell kann man den schon ab und an den Eindruck gewinnen, dass der deutsche (freie) Online-Journalismus primär aus von existenziellen Nöten geplagten Menschen (Qualitäts-Journalisten) besteht, die ihre intellektuellen Höchstleistungen zu Dumpingpreisen an zahlungsunwillige journalistische Ausbeutungsmonster (Verlage) verschleudern müssen! So ungefähr ist es immer mal wieder klagenderweise zu lesen.

Worum geht es genau?

Also, grob gesagt, es geht um KRAUTREPORTER, ein sog. „Crowdfunding-Projekt“, bei dem sich eine Gruppe mehr oder weniger bekannte Journalisten zusammengetan haben, um dem Begriff „Online Journalismus“ neues Leben und ein Gütesiegel zurückzugeben. Dazu haben sie (mindestens) 15.000 potentiellen Lesern die Möglichkeit eingeräumt, innerhalb von 4 Wochen einen Gesamt-Betrag von 900.000 Euro vorzufinanzieren, damit ein neues, unabhängiges Online Magazin entstehen kann, bei dem ohne Werbung und ohne sonstige Verlags-Abhängigkeiten guter Journalismus entstehen kann. Vor allem aber soll darüber den beteiligten Journalisten ein „festes monatliches Einkommen“ von 2.000-2.500 Euro ermöglicht werden, die im Gegenzug 1 gut recherchierten, anspruchsvollen und „ausgeruhten“ Artikel pro Woche liefern. [also: „Mit 5 Euro sind sie dabei“]

Es wird also hoch gepokert, denn es steht ja letztlich die Finanzierbarkeit des unabhängigen Online Journalismus auf dem Spiel…zumindest auf unbestimmte Zeit!

Als potentieller Spender und dementsprechend zukünftiger Leser bekomme ich dann:

  • Qualitäts-Artikel zu lesen,
  • darf diese dann kommentieren,
  • an Videokonferenzen (Hangouts), Veranstaltungen mit den Journalisten teilnehmen
  • an weiteren Premium-Leistungen partizipieren – die ein „gewöhnlicher“ Leser, der nicht mit-finanziert hat, nicht bekommt.

Vor allem aber, so ist es angedacht, würde ich dann Teil einer „Community“ – einem elitären Zirkel aus selbsternannten Qualitäts-Journalisten und einer bildungsbürgerlichen, akademischen Leserschaft, die wahrscheinlich auch sonst regelmäßig Nachrichten-Magazine kauft, oder ein weiteres zu abonnieren imstande ist.

Und hier setzen auch meine Bedenken ein: digitale Teilhabe!

Es ist ja in den sozialen Netzwerken (speziell Twitter) üblich geworden, dass sog. „Filter-Blasen“ entstehen. Man versammelt eine Gefolgschaft um sich, von der man ausgeht, dass sie möglichst meinungskonform ist, oder ähnliche Haltung aufweist. Streng gesagt, eine möglichst kritikfreie Wohlfühl-Zone.

Das ist nicht verwerflich und liegt auch in der Natur des Menschen. Auch ich suche mir häufig Leute, deren Haltung ich vertreten kann aus. Und natürlich hab ich manchmal Bauchschmerzen bei Twitter, wenn jemand aus meiner Kontaktliste etwas postet, was ich falsch oder weit weg von meiner Überzeugung finde.

ABER: das muss ich aushalten (können) – im Sinne einer Meinungspluralität! Und welches Brainstorming Teammeeting kann es sich leisten nicht auch auf Argumente der Bedenkenträger einzugehen/seine Haltung infrage zu stellen?

Dann gibt es manche jüngeren, freiberuflichen Online Journalisten, bei der ich manchmal das Gefühl habe, dass es einen nahtlosen Übergang zwischen professioneller Selbstvermarktung und übertriebener Selbstdarstellung gibt („Selfie-Journalismus“ nenn ich das gerne). Hier heißt das dann; eine Marke zu werden, den wichtigen, einflussreichen und dienlichen Leuten zu folgen und umgekehrt von denen gelesen und gefolgt („geadelt“) zu werden.

Andererseits muss ja auch der Traffic und Klickrate auf deren Seite/Blog stimmen und dann darf natürlich zwischendurch auch mal zum „Cat-Content“ oder anderen niederschwelligen Fast-Food Inhalt gegriffen werden. Man will ja Besucherzahlen vorweisen, wenn es um die persönliche Relevanz (sog. Klout Score), oder potentielle Unterstützer (Werbung) geht.

Dass das dann aber teilweise genau dieselben Besucher-Fang Methoden sind, die man den „klickzahl-süchtigen“ Verlagen vorwirft, wird dem Selbstvermarktungs-Masterplan untergeordnet. Tut den Begriffen Qualität und Journalismus aber aus meiner Sicht keinen Gefallen!

Und genau dieser Kreis von Online-Journalisten, mitsamt ihren jeweiligen oft identischen Filter-Blasen schließt sich für das Krautreporter Magazin zusammen. Und was wird voraussichtlich entstehen? Genau, eine noch größere Filter-Blase! (Also eine noch größere Wohlfühl Zone?)

Wer Teil dieser exklusiven Filter-Blase (Community) ist, darf Artikel kommentieren, seine Meinung einbringen – teilhaben! Der Rest darf lesen und bestenfalls noch weiterverlinken. Das ist der Deal!

Wie oben aber bereits erwähnt, mangelt es in den jeweiligen Filter-Blasen aber eben auch gern mal an echten Kontroversen und Kritik. Oder diese verstummt schnell, aufgrund der Übermacht der konformen Gefolgschaft. So ist es besonders bei Netzaktivisten und speziell bei den Piraten häufig zu erleben. Für eine lebhafte, konstruktive Diskussionskultur ist das aber kontraproduktiv!

Der Unterschied bei Social Media ist, dass man jederzeit Teil der Blase werden und genauso schnell diese wieder auch verlassen kann. Bei Krautreporter muss man allerdings seinen Jahresbeitrag im Voraus fest bezahlen, damit das ganze Projekt überhaupt bestehen kann, ohne zu wissen ob einem das inhaltlich gefallen wird. Man muss sich darauf verlassen, dass die Leute, denen man eh schon folgt, schon was Gutes produzieren.

Für meine Begriffe wird ein Aspekt zu wenig diskutiert, der zwar immer mal wieder angesprochen, aber immer noch nicht wirklich gelebt wird: der echte Dialog/Auseinandersetzung mit dem Leser. Nicht nur mit dem lobenden und grundsätzlich zustimmenden, sondern mit dem kritischen, nicht konformen Leser. Diesen gilt es ernst zu nehmen, einzubinden und zum Bestandteil der Diskussion werden zu lassen.

Zwar wird das gern gesagt, dass alle Krautreporter per Twitter oder Blog dialogerprobt sind, aber die eigene Sichtweise und das Deutungshoheits-Gebiet werden selten verlassen.

Denn dazu müsste eben so mancher Journalist meiner Meinung nach kritikfähiger werden – denn das gehört auch zu den Herausforderungen, denen sich nicht nur neue journalistische Formate á la Krautreporter stellen müssen.

e.

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